Eine Linie aus Licht, die die Dunkelheit schneidet, die alles ist. Wir laufen durch einen stockfinsteren Wald. Mühsam tasten wir uns vorwärts und manchmal begegnen wir einem anderen. Die Zeit unserer Begegnungen ist ausgemessen und immer nur wie ein trotziges Aufflackern. Wir denken erst, dass wir diesen oder jenen niemals wieder hergeben möchten. Dann verliert sich dieses Gefühl ganz zuverlässig. Je intensiver wir den Gedanken hatten, dass wir den oder den nie wieder vermissen möchten, desto schneller verbrennen wir uns dann doch. Das ist unser Schicksal.
Den richtigen Zeitpunkt würden wir von uns aus immer verpassen, weil wir nicht von etwas abgehen können, solange es uns anzieht, sondern erst, wenn es uns schon längst nur noch abstößt. Wir treffen einen Menschen und verlieben uns in diesen auf das Heftigste. Dann halten wir ihn fest, während wir schon geraume Zeit nur noch empfinden, dass dieser andere in Wirklichkeit ein langweiliger, deprimierender und letztlich ein abstoßender und widerlicher geworden ist. Und dann sind wir wieder allein, was natürlich nochmals viel unerträglicher ist, da unsere Gefühle nun jeglichen Halt verlieren.
Als der andere noch da war, lebte in seiner Präsenz die Erinnerung, in seiner Verfügbarkeit der Appell, in seiner Verzweiflung die eigene, das Verbindende. Die Frage ist nicht ob, sondern wie sehr. Wie sehr wir uns vor dem Alleinsein mehr fürchten als vor der geteilten Deprivation. Je älter wir dabei werden, desto mehr sehnen wir uns nach dem Empfinden, etwas Neues entdeckt zu haben, einer Aufregung über einen Gedanken oder einer phänomenalen Erfahrung zu verfallen. Also nach dem Zauber, der uns zusehends schwer fällt, schließlich schon sehr bald ganz und gar unmöglich sein wird.
Gleichzeitig lässt unsere Physiologie nach, erschlaffen wir, bemerken an uns alsbald, wie wir jeden Tag nur noch dieselben Fußstapfen nachzeichnen, in denen wir es uns eingerichtet haben. Es wird uns alles zur Routine. Auch unsere „besonderen“ Erlebnisse planen wir lange voraus und minutiös durch.
Wir bestellen den Kuchen und wissen, dass dieser keine Laktose verträgt, jene Diabetes Typ II hat. Die erste Anweisung der Klugheit, sich seine Bedürfnisse leise zu halten, wird, wenn sie sich derartig Raum verschafft, nicht nur Sucht, sondern alsbald zu dem Fenster, das wir nicht mehr öffnen, weil wir mehr Angst vor einer Lungentzündung haben als davor langsam zu ersticken. Ein langes Siechtum, ein gemächlicher Abstieg, wird auf einmal erstrebenswerter, einladender als der Kraftakt, sich gegen die eigene Verknöcherung zur Wehr zu setzen. Keine meiner einigermaßen erwähnenswerten Erinnerungen beginnt mit dem Satz: „Da im Voraus für alles bestens gesorgt war ...“
Ganz im Gegenteil erzeugt ja erst der gelegentliche Mangel die Chance, die Kreativität zu entfalten, sich zu bewegen, sich zu befassen, einen Widerstand zu überwinden. Den Zustand der Wachheit, in dem wir auf einmal aufstehen und hinausgehen. Nun gehen wir schon lange gar nicht mehr hinaus. Wir gehen unser Lichtlein durch den Wald tragen. Zwar laufen wir keine Kreise, aber doch längst nur noch Figuren, die sich aus Kreisen zusammensetzen und eine mehr oder weniger abgeschlossene Bahn bilden. Wir begegnen immerzu denselben paar Leuten und interagieren mit ihnen unter dem Vorbehalt, bloß nichts zu unternehmen, wofür wir uns beim Bridgespiel in zwei Wochen schämen müssten. Ja nichts zu wagen, das uns wieder verzweifelt und alleingelassen in den Äther werfen könnte. Tatsächlich aus der Angst heraus, die Gewohnheit zu verlassen, allermeistens jedenfalls.
In einer solchen Idee verharrend könnte einer ohne Weiteres der Vision anhängen, dass wir von vornherein zur Tragödie geschaffen sind. Dass das sogenannte Tragische am ehesten darin zu entdecken wäre, dass wir einen geliebten Menschen im Augenblick unserer größten Gemeinsamkeit, unserer Kohärenz, im Zustand der gegenseitigen Steigerung und am Höhepunkt derselben verlieren.
Natürlich handelt es sich hierbei um etwas Schreckliches. Aber doch nicht um etwas Bedauerliches. Sondern um etwas ganz wunderbar Schreckliches – ein Schrecken, ein Horror nämlich, den wir voll und ganz genießen müssen. Den wir suchen müssen und auch wollen. Der die Auslöschung des Allerbesten und -höchsten bedeutet, dabei dieses Allerbeste und -höchste, das uns überhaupt passieren kann., an dieser kurzen Begegnung teilzuhaben, die unserer Existenz überhaupt erst etwas Bedeutendes und Besonderes hinzufügt, doch stets voraussetzt; das ja überhaupt nicht von Dauer sein kann und weshalb man jede Nuance daran zu lieben hat; da man ansonsten sein Leben als solches gründlich missverstanden hat. Und nur darüber lohnt es sich auch zu schreiben, - über all die Begegnungen und tragischen Verluste, die wir erleiden.
Es wäre fatal, wenn man beim Betrachten einer solchen Szene an einen unglücklichen Menschen denken würde – und dumm derjenige, der an solchem Verhängnis wirklich zu Grunde geht, anstatt es in seiner ganzen Impressivität und Wucht als etwas Außergewöhnliches zu begreifen, es als den schicksalhaften Punkt zu erkennen, für den es sich fast einzig überhaupt in diesem Wald nach etwas zu suchen lohnt – und zu verlieren. Wie viel tragischer sind doch in Wirklichkeit all diejenigen, die sich von solchen Wagnissen abbringen lassen, um bis zu ihrem eigenen Erlöschen die bekannten und ausgetretenen Pfade nicht mehr zu verlassen, also immerfort ein- und dasselbe als ungefährlich Eingestufte zu wiederholen.
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