In "Fragmente - eine Befreiung" wird eine Leidensgeschichte erzählt,
wie sie in ihrer Abartigkeit nur in einem psychiatrischen Umfeld
stattfinden kann. Das Buch ist aus einer radikal subjektiven Perspektive
geschrieben, was verständlicherweise zu Momenten der Identifikation
einlädt. Der Autor betrachtet dies als ein Qualitätsmerkmal, muss jedoch
darauf bestehen, nicht mit dem "Verfasser" (Erzähler) ineinsgesetzt zu werden.
Diese
radikale Subjektivität bringt Perspektivwechsel und Verzerrungen mit
sich, die das grundlegende Problem des menschlichen Miteinander
berühren, seine Eigenheit, seinen eigenen Bereich vor dem Zugriff von
Kontrollinstanzen zu bewahren. Diese Kontrollinstanzen können uns in der
üblichen Form begegnen, in Form eines menschlichen Mit-, Gegen- und
Hintenrumeinander. In den "Fragmenten" wird diese Beziehungsform
besonders durch die Tendenz zur Subversion beeinflusst. In einem Umfeld
wie einem psychiatrischen ist es anscheinend zwingend erforderlich,
nicht nur seine Karten bedeckt zu halten. Insbesondere sogenannten und
selbsternannten Leuten "vom Fach" gegenüber, die sich subtile
Machtstrategien angeeignet haben, scheint es erforderlich zu sein,
weiter zu gehen als das. Man muss sich permanent selbst verleumden, man
muss sozusagen permanent in eine Rolle schlüpfen.
Ein wesentliches
Mittel zur Erlangung der Kontrolle ist die Vermeidung der direkten
Konfrontation. Indem man dem Konflikt ausweicht, kann man weiterhin sein
Machtpotenzial einfach einsetzen, ohne sich in einer
Verhandlungssituation mit den Betroffenen auseinandersetzen zu müssen.
Die Möglichkeit zu gebrauchen, jemandem die Informationen zu entziehen,
ihn zu bestrafen und die Kommunikation zu verweigern ist nichts anderes
als Missbrauch.
Solche Dinge passieren täglich in solchen
Anstalten aus einer angeblichen "Sachlogik" heraus, die von einer
"Pädagogik der natürlichen Folgen" inspiriert ist. Es wird eine
Pädagogik angewandt, die unheimlich gefährlich ist, da sie die
natürliche Person in einen Automaten verwandeln kann, der als
gnadenloser und willkürlicher Apparatschik nur noch "interesselos"
herrscht und die Natur manipuliert, um seinen Willen durchzusetzen.
Dabei wird unterstellt, dass das Objekt der Pädagogik nicht "bestraft"
werden soll, sondern dass sich die Folgen ganz von selbst ergeben
müssen. Und wenn die Natur einmal nicht so schön und folgerichtig
straft, wie man sich das wünscht, dann hilft man dieser Natur eben ein
bisschen auf die Sprünge und spielt Gott. Schummeln ist eben auch
erlaubt, im Namen des Guten, versteht sich.
Es kann nur gehofft
werden, dass diese Art der "Pädagogik der natürlichen Folgen" in ihren
Entartungen bald als das erkannt wird, was sie ist, nämlich ein
Totalitarismus, der Allmachtsphantasien Tür und Tor öffnet. In der
Realität kann sie jedenfalls ohne ein hinreichend ausgeprägtes System
von "checks and balances" nicht bestehen. So ein Scheitern der
Institutionen wird in den "Fragmenten" aufgezeigt, in denen eine
Einzelperson mit diktatorischen Vollmachten gemäß dieser Logik der
natürlichen Folgen nach Belieben schaltet und waltet.
Einen
solchen System ausgeliefert zu sein wirft das Problem nach der
"Freiheit" auf und wie man sie gegen diese Art der Kontrollgewinnung
erreicht. Es erscheint für einen Außenstehenden einfach, jemandem zu
sagen: "Opfere dies, opfere jenes, dann kriegst du, was du wolltest." Konzessionen dieser Art bestimmen unseren Alltag. Sie sind bis zu einem bestimmten Maße gut und nützlich, schlichten Pragmatismus, "Einsicht in die Notwendigkeit", vorausgesetzt. Ab einem gewissen Ausmaß jedoch werden sie zerstörerisch und haben nichts mehr mit Naturnotwendigkeit, sondern mit Machtausübung zu tun. Eine solche Unterwerfung kann dann nicht mehr geleistet werden, ohne sich selbst als Person zu negieren und damit psychisch auf Dauer zu zersetzen. Eine solche Zersetzung kann jedoch nur aus der Innensicht, wie sie in den "Fragmenten" versucht wird, wirklich nachvollziehbar gemacht werden.
Durch
diese von außen herangetragene Perspektivverzerrung wird indirekt unterstellt, dass die
Machtinstanz nicht als solche kritisiert und in ihrem Anspruch
beschnitten werden kann. Das ist oft der Fall, aus der Perspektive der
Abhängigkeit. Es zeigt aber auch eine allgemeine Überzeugung auf, der
zufolge übergeordnete Kontrollinstanzen generell versagen oder sich aus
scheinbar übergeordneten Erwägungen ihrer Aufgabe enthalten. In einem
solchen Umfeld wird dann alles möglich, jede Schweinerei, jede
Beliebigkeit, da die Kontrollebene durch Untätigkeit sich mit der
entarteten Ausgestaltung von Kompetenzbereichen verschwistert und
jederzeit, um die eigene Haut zu retten, mit Nachdruck Partei für die
eigentlich von ihr zu zähmende Autorität ergreifen wird.
Was in
einem solchen Umfeld konkret möglich wird und was es mit den Leuten anstellt,
die dem aufgrund eines institutionellen Versagens ausgeliefert werden,
eine Grauzone, in der selbsternannte Gurus frei operieren können, zeigen
die "Fragmente" exemplarisch anhand eines "Einzelschicksals" auf. Es
darf gefragt werden, ob der einzelne in einer 80 Millionen AG überhaupt
noch etwas zählt, wo uns doch täglich das verlogene Prinzip vorgehalten
wird, wir lebten in einer Gesellschaft, die das individuelle Dasein als
hohes und höchstes Gut erachtet.